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Mobilität der Zukunft



#MEINERSTESAUTO - VON FREIHEITSGEFÜHLEN UND LOSLASSEN KÖNNEN


Gerade, wenn man auf dem Land aufwächst, kann man seinen 18. Geburtstag kaum abwarten. Wieso das so ist, ist ganz klar – der Führerschein und das erste Auto wirken plötzlich zum Greifen nah. Was dieses erste Auto bedeutet, ist mit Geld nicht aufzuwiegen: Freiheit, Möglichkeiten, Spaß und der Coolness-Faktor im Freundeskreis sind einem sicher; denn auf dem Land fährt der öffentliche Nahverkehr nachts nicht, die angesagten Clubs und Bars sind in der nächstgelegenen Stadt, die man nicht erreicht, und die eigenen Freunde sind über mehrere Dörfer verteilt. Ich gehörte zu den Glückspilzen, die bereits früh ein Auto hatten.

 

Bescheidene Rebellion mit einer Klapperkiste

 

Ich war noch auf dem Gymnasium und es war der perfekte Moment, um den Eindruck von Freiheit zu erhalten, den das Erwachsenenleben mit sich bringt. Spontane nächtliche Treffen waren auf einmal möglich, ich holte meine Freunde ab, wir fuhren durch die finsteren Landstraßen, hörten Musik und hatten das Gefühl, dass wir die ganze Nacht genauso verbringen konnten. Es gab nur einen Haken: meine Tankanzeige bewegte sich eigentlich immer im roten Bereich, es war ein Wunder, dass ich niemals liegen geblieben bin. Noch heute frage ich mich, wie ich die Spritkosten decken konnte. Der Liter Benzin hatte zwischenzeitlich den Höchstwert von 1,60 € erreicht. Aber wenn man von jedem aus dem Freundeskreis ab und zu fünf Euro Spritgeld einsammelt und gelegentlich einen mitleidigen Zuschuss von seinen Eltern bekommt, funktioniert es auch mit dem Benzintank.

Es war damals auch egal, dass mein Auto – ein froschgrüner Volkswagen Polo 6N, Baujahr 1994 – eher eine Klapperkiste war. Der Wagen war zwar in gutem Zustand, aber ich investierte nicht viel in Extras, außer in eine kleine Musikanlage und Boxen. Schließlich konnte man neidische Blicke auf sich ziehen, wenn man im Sommer langsam an den Dorfplätzen mit offenem Fenster entlangfuhr und soliden Sound hatte.

Risiken, Kosten und Mühen – die Schattenseite des Autofahrens



Zehn Jahre später: Ich lebe in Berlin, das Auto ist längst verkauft und ich plane auch nicht, mir ein neues anzuschaffen. Die Suche nach einem Parkplatz frisst Nerven und es ist vor allem einfach zu teuer. Der durchschnittliche Autofahrer in Deutschland fährt nämlich 54 Jahre lang und zahlt dabei insgesamt über 330.000 € für Kfz-Kosten, das hat der Verlag Motor Presse Stuttgart untersucht. Neben dem Kaufpreis schlagen besonders Preise für Kraftstoff und Versicherungen zu Buche. Vor der Marktöffnung für Fernbusse schien das Auto die billigere und bequemere Alternative zum Fernzug, inzwischen allerdings sind die Preise der Busunternehmen unschlagbar.

 

Nicht zuletzt ist auch das Thema Sicherheit ein Punkt, der mich gerade in der Stadt vom Autofahren abhält. Jährlich passieren auf deutschen Straßen über 550.000 Verkehrsunfälle – Männer sitzen dabei doppelt so häufig am Steuer wie Frauen. Mit meinem VW-Frosch hatte ich auch zwei kleinere Unfälle. Auf dem Weg zur ersten Abiturprüfung fuhr ich einem Rentner hinten auf, der an einer grünen Ampel einfach nicht losfahren wollte. Die Prüfung lief dennoch gut. Nach dem bestandenen Abitur fuhr ich eines Nachts mit meinen Freunden in einen Club – das hatte ich zumindest vor. Auf nasser Fahrbahn geriet der Wagen ins Schlittern, als ich einem Rehkitz ausweichen wollte und wir landeten im Graben. Nicht alle Fahrzeugmodelle zu der Zeit hatten ABS, geschweige denn ESP. Doch auch der kleine Unfall konnte unsere Laune nicht trüben – der Vater einer Freundin zog mich mit seinem Traktor raus (es gibt auch Vorteile auf dem Land) und wir fuhren einfach mit einem anderen Auto in den Club.

Neue Möglichkeiten – wozu überhaupt noch kaufen?

 

Falls ich heute ein Auto brauche, gibt es genug Carsharing-Optionen. Seit 2011 etablieren sich diese Dienste von z. B. DriveNow oder Car2Go in Großstädten immer mehr und sind aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Nicht nur in Berlin, sondern auch in Hamburg, München, Köln und Düsseldorf ist die Flotte mit insgesamt 4000, bzw. 1600 Fahrzeugen vertreten. Notfalls tut es auch ein Taxi – in der Summe ist Carsharing, jedenfalls für jemanden, der nur selten ein Auto benötigt, günstiger, als wenn man sich dauerhaft ein eigenes Auto zulegt. Aber auch aus vorbildlichem Umweltbewusstsein verzichten manche auf ein eigenes Auto.

 

Insgesamt gesehen hat sich heute mein Anspruch an die Mobilität verändert. Während ich nostalgisch an mein erstes Auto zurückdenke, weil es für mich jugendliche Spontaneität, Selbstständigkeit und Neugier bedeutete, würde ich heute ein Fahrzeug als Klotz am Bein empfinden. Damit bin ich in bester Gesellschaft, denn ca. 70 Prozent der 18- bis 35-jährigen können sich ein Leben ohne Auto gut vorstellen, wie aus der Studie „Generation What“ hervorgeht. Nichtsdestotrotz warten aber auch heute immer noch unzählige Jugendliche auf den Moment, in dem sie endlich ihr erstes Auto bekommen, um ähnliche Erfahrungen wie ich machen zu können. Spätestens, wenn die ersten eigenen Kinder da sind, werden wir autolosen Bürger aus praktischen Gründen ein Revival des „ersten Autos“ erleben – nämlich des ersten Familienautos. Es wird anders, aber mindestens genauso spannend.  

 

Wie war das bei Ihnen mit dem ersten Auto? Wir haben auf dem ERGO Direkt Blog eine Blogparade zu diesem Thema gestartet und freuen uns auf Ihre Beiträge.

ÜBER ALICE GRESCHKOW

 

Alice Greschkow bloggt auf verschiedenen Plattformen über Politik und Gesellschaft.

 

Die Leidenschaft für diese Themen entwickelte sich durch Auslandsaufenthalte in Polen, Spanien, Mexiko und Dänemark und während ihres Studiums im Bereich Internationale Beziehungen.

 

Heute lebt und arbeitet die 1989 geborene Autorin in Berlin.


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