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DIE REISEN, DIE UNS WEITERBRINGEN


„Wenn jemand eine Reise tut …“, so ist das heutzutage nicht mehr ganz so ungewöhnlich wie zu Lebzeiten des deutschen Dichters Matthias Claudius, der diese geflügelten Worte prägte. Zu seiner Zeit, an der Schwelle des 18. Jahrhunderts, reisten insbesondere gut betuchte Leute. Fortbewegungsmittel der Wahl (und zugegebenermaßen auch das einzige, sofern man nicht als Seefahrer oder Forscher um die Weltmeere segelte) war die Kutsche. Mit solch einem Fuhrwerk konnte man nicht mal schnell nach Spanien düsen, wie es heute z. B. mit einem Flugzeug möglich ist. 

 

Mit dem Reisen waren Ungemütlichkeit, Anstrengung und wahrhaftes Abenteuer verbunden. Wahrhaft im Sinne von tagelangen Kutschfahrten, die einen aufgrund des mangelnden oder kopfsteinbepflasterten Straßenbelags einmal ordentlich durchschüttelten; und, sofern man eine internationale Landesgrenze überschreiten sollte, auch mit visuellen und kulturellen Unterschieden. 

 

In Zeiten von schwedischen Modeketten und Pokémon Go setzt die Globalisierung ihren Siegeszug bis in die hintersten Winkel der Welt fort und wenn jemand eine Reise tut, dann muss er schon wirklich weit weg reisen, um sich fremd zu fühlen. Doch wie weit muss man gehen, um das Weite zu suchen?

Man reist nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen


Ich wollte auf große Reise gehen, schon länger. Nicht dass ich nicht bereits einige Reisen getan hätte, ganz im Gegenteil. In mir schlummerte immer etwas von Goethes Umtriebigkeit (zumindest was den Standortwechsel betraf), der für seinen Zeitgenossen Matthias Claudius ein wahrer Weltenwanderer gewesen sein muss. 

 

Sizilien, Thailand, Azoren, Island. Ich nutzte jeden meiner mühsam zusammengesparten Urlaubstage aus, um ein bisschen mehr von der Welt zu sehen. Mal mit, mal ohne Zelt, mal schneller, mal entspannter, aber immer mit einem Mietwagen. Denn seit meinem Auslandssemester vor Jahren in Australien weiß ich: ein eigener fahrbarer Untersatz macht einen einfachen Urlaub zu einer echten Reise und diese wiederum zu einem verheißungsvollen Abenteuer.

 

Ein bisschen mehr entdecken

 

Doch diese Reise sollte anders sein. Zwei Jahre zuvor hatte ich meinen alten Job hinter mir gelassen und mich selbstständig gemacht. Während ich so frei vor mich hinarbeitete, merkte ich, dass es keinen großen Unterschied machte, ob ich von Stuttgart aus arbeitete oder von Berlin oder Hamburg oder von irgendwo sonst aus in der Welt. Dies kam meiner Rastlosigkeit natürlich absolut gelegen. Sie begann in mir eifrig Pläne zu schmieden, Auswanderungsphantasien zu hegen und sich an die Grenzen des Google-Universums zu tippen. Plötzlich gab es so viele Möglichkeiten, quasi keine Beschränkungen (außer die der Visums-Regulationen und Krisengebiete) und unzählige weiße, nicht erkundete Flecken auf der Weltkarte zu entdecken. 

 

Ein besonders weißer Fleck machte sich auf Südamerika breit. Da ich diesen Teil der Erde nie wirklich auf dem Schirm hatte, wies mich mein Freund darauf hin, der bei dem Ganzen natürlich auch ein Wörtchen mitzureden hatte. Weder er noch ich hatten ein aussagekräftiges Bild von Südamerika im Kopf, deswegen beschlossen wir diese Bildungslücke anzugehen.

Quelle: TRAVEL RUN PLAY

Quelle: TRAVEL RUN PLAY

Ein kulleräugiger Traum in Weiß

 

Ziemlich schnell stand fest, dass ein Mietwagen nicht das Richtige sein würde für den großen Trip, den wir planten. Etwas Eigenes musste her, etwas Kleines, Kompaktes, Unauffälliges, in dem man am besten noch schlafen und kochen konnte. Durch einen Zufall fanden wir ein Prachtexemplar eines absoluten Camper-Klassikers und waren sofort verliebt: ein Volkswagen T3 mit Westfalia-Ausbau. Das heißt mit aufstellbarem Zeltdach, kleiner integrierter Küche inklusive Wassertank und Gasherd, Schränkchen und einer ausziehbaren Couch. Ein dreißig Jahre alter Traum in Weiß mit Kulleraugen. 

 

Mit diesem Gefährt also sollten wir die nächsten 19 Monaten (von 12 geplanten) die Panamericana unsicher machen. Wir schifften die alte Dame, die von uns nun liebevoll und bezeichnend für ihre kutschenartigen Pferdestärken „La Tortuga“ genannt wurde (Spanisch für „die Schildkröte“), von Hamburg nach Montevideo in Uruguay. Von dort aus startete nicht nur eine wahre Flut an wundervollen Erlebnissen, eindrucksstarken Erkenntnissen und atemberaubenden Sinneseindrücken, sondern auch eine nervenaufreibende Panne nach der nächsten.

 

40.000 Kilometer durch Amerika im mobilen Office

 

Ein eigenes Auto zu haben bedeutet Mobilität, Unabhängigkeit, Freiheit. In unserem Falle kamen aufgrund des altersschwächelnden Motors noch eine ganze Ladung Frust, Haare raufen (unsere eigenen, nicht die gegenseitigen) und die ein oder andere Grenzerfahrung dazu. Das Abenteuer, das alle suchen, lag bei uns im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße. Mit jeder eingefrorenen Leitung, mit jedem explodierten Auspuff und mit jedem Motorschaden kamen wir dem viel angepriesenen „Ausbruch aus der Komfortzone“ und dem ultimativen Abenteuer ein Stückchen näher.

 

Zwischen all den Pleiten, Pech und Pannen wurde die alte Schildkröte unser rollendes Zuhause und mein mobiles Office, das uns überallhin begleitete. Klein, aber fein und vor allem oho! Insbesondere, da sie uns ob aller Komplikationen doch recht sicher von Uruguay runter bis nach Feuerland, quer durch Südamerika hoch nach Kolumbien, rüber nach Zentralamerika, nach Mexiko und schließlich in die USA brachte. 40.000 Kilometer, quasi einmal um die Welt.

 

Der große weiße Fleck auf der Landkarte verkleinerte sich mit jedem Kilometer, den wir fuhren. Mit dem eigenen Wagen über Land unterwegs zu sein und dadurch flexibel neue Wege einschlagen zu können, half uns die Orte und die unterschiedlichen Kulturen tiefer zu verstehen. Wir kamen durch winzige Dörfer, in die sich nur selten ein Reisender verirrt und schlossen Freundschaften in Metropolen wie Santiago und Quito, in denen man von VW-T3-Liebhabern schon gerne mal vom Fleck weg zu sich nach Hause eingeladen wird.

Vom Wiederkehren und wieder Losziehen

 

17 Länder und 1,5 Jahre später sitze ich nun wieder in Deutschland und tippe mich verstohlen durch Google auf der Suche nach einem neuen alten T3. Der alte alte steht gut verwahrt in Kalifornien und wartet dort auf seinen nächsten Trip, während ich es nicht erwarten kann wieder loszuziehen.

 

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er nicht nur was erzählen. Er sieht die Welt mit anderen Augen, sieht, wie groß und gleichzeitig winzig sie ist. Wie die vermeintlichen Unterschiede, die uns trennen, eigentlich gar nicht so unüberbrückbar sind und wir im Nahen oder Fernen alle verbunden sind. Reisen bringt uns nicht nur der Welt näher, sondern auch uns selbst.

 

ÜBER CARINA STÖWE

 

Carina Stöwe ist freiberufliche Filmemacherin, Bloggerin und begeisterte Läuferin.

 

Mit einem alten VW Van fuhr sie auf der Panamericana von Südamerika bis in die USA.

Ihre Reise und ihr Leben als digitale Nomadin dokumentiert sie auf ihrem Blog TRAVEL RUN PLAY und auf ihrem gleichnamigen YouTube-Kanal.


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