Umzug: Wenn Kinder darunter leiden  

Zu Hause


Wenn Kinder umziehen müssen …  

 

Ein Ortswechsel ist immer ein einschneidendes Erlebnis – insbesondere dann, wenn die Gründe schwerwiegend sind und die Entfernung weit ist. Bei Kindern kann der Umzug große Auswirkungen haben. Sie haben ihr ganzes bisheriges Leben an einem Ort verbracht, dort sind ihre Wurzeln und Freunde.

 

Ottmar Hummel, Facharzt für Psychatrie und Psychotherapie und Oberarzt in den DRK Kliniken Berlin | Westend, erklärt die Ängste und Belastungen der Kinder bei einem Umzug. Er gibt Tipps, wie man Kinder am besten auf einen Umzug vorbereitet und welche Lösungen es gibt, wenn Kinder unter dem Wohnortswechsel leiden.

Ottmar Hummel ist Facharzt für Psychatrie und Psychotherapie und Oberarzt in den DRK Kliniken Berlin | Westend

Wie belastend ist ein Wohnortwechsel für das Kind?

 

Fast jedes Kind, das den Wohnort wechselt, berichtet über Schwierigkeiten. Diese zeigen sich schon bei Vorschulkindern, aber verstärkt  bei  Pubertierenden und insbesondere bei Diplomatenfamilien. Je nach Alter gibt es verschiedene Probleme:

  • Bei den ganz kleinen Kindern wird schon der Wechsel von Kita zu Kita im selben Stadtteil als belastend empfunden. Sie finden Sicherheit und Stabilität in der Kita durch die Anwesenheit der gleichen Erzieher und Kinder, die ihnen so etwas wie eine Ersatzfamilie suggerieren. Sobald sie den Ort wechseln müssen, fällt  ihr Gewohntes weg und das wirkt auf viele Kinder stark verunsichernd aus.
  • Andere  Kinder berichten, dass sie von der Stadt auf's Land zogen oder vom Land in die Stadt zogen und das als sehr starken Kontrast erlebt haben: andere Dialekte, andere Gewohnheiten, ein anderes Freizeitverhalten.
  • Pubertierende Jugendliche sind gefährdet, da sie an einem neuen Ort sich einen neuen Freundeskreis suchen müssen und oft findet sie bei sozial schwierigen Jugendlichen leichter den Kontakt.  Also, wir haben verschiedenste Probleme.

Gibt es Altersgruppen, in denen Kinder einen Wohnortwechsel besser oder

schlechter verkraften? Und wenn ja, warum?

 

Pupertierende  Jugendliche verkraften einen Wohnortwechsel oft schlechter. Das Alter ist deswegen so empfindlich, weil pubertierende Jugendliche  sich  in der Ablösung befinden. Diese Jugendlichen möchten selbstständiger sein; sie möchten selber über sich bestimmen. Sie möchten sich nur noch wenig von Ihren Eltern sagen lassen und gerne eigene Wege gehen. Sie möchten nachts länger weg bleiben. Der ein oder andere möchte rauchen, vielleicht auch mal Drogen probieren. Das ist ein sehr empfindliches Alter. Und man kann immer nur hoffen, dass die Beziehung und Bindung zu den Eltern ausreicht, um diese Zeit zu überwinden. In so einem Alter ist der Umzug etwas sehr Schwieriges. Die meisten Cliquen in der neuen Klasse sind fest gefügt - jeder kennt jeden - und der oder die Neue muss sich anstrengen Kontakt zu finden.  Meistens lässt es sich bei sozialen Außenseiter besser andocken.  Wir sehen oft das Problem, dass Jugendliche, die umgezogen sind, dann in der neuen Klasse die Schulvermeider oder die Drogenkonsumenten schnell als Freunde gewinnen und damit selbst plötzlich ihr Leben verändern, aufhören Sport zu machen, keine Hausaufgaben mehr machen, Schule schwänzen und so weiter. Man sollte in dem Alter sehr viel auf Beziehungen und auf Bindung achten, sollte sehr hellhörig sein, sollte oft mit den Kindern und Jugendlichen reden, diskutieren, vielleicht auch da unterstützen, Freunde und Kontakte zu finden und die Freizeit versuchen mit zu gestalten.

Wovor haben Kinder am meisten Angst bei einem Umzug? Gibt es dabei Unterschiede zwischen Mädchen und Jungs?

 

Die meisten Kinder und Jugendliche befürchten  den Verlust ihrer Freundschaften und haben Angst davor, keine neuen  Freunde finden zu können. In den Zeiten der modernen Medien ist es natürlich möglich, über Internet oder Whatsapp in Kontakt zu bleiben. Wir kennen Jugendliche, - gerade weibliche Jugendliche - die es schaffen, mit ihren Freunden auch an entfernten Orten, wie Washington oder Kuala Lumpur Kontakt zu halten und Freundschaften auch über lange Zeit zu pflegen. Aber gerade bei den männlichen Jugendlichen, lässt das Interesse an regelmässigen Kontakten schnell nach und diese drohen dann schneller zu vereinsamen.

Was bedeutet Abschiednehmen für das Kind?

 

Es gibt sozial sehr kompetente Kinder, diese finden leicht Kontakt, finden leicht Freunde, können sich gut sozial integrieren. Ich glaube diese Kinder haben weniger Angst vor  Neuem. Bei denen bleibt natürlich die Trauer um den Verlust der Freunde, aber das können diese Kinder meist gut verkraften.

Schwierig ist es bei Kindern, die eher nicht so kontaktfreudig sind, die abwartend oder still sind. Diese leiden mehr, weil sie genau wissen, dass sie nicht so schnell Freunde finden werden. Diese Kinder neigen oft dazu, sich zurückzuziehen, haben oft einen starken Medienkonsum, sind sehr viel im Internet oder beim Handy-Spielen. Oft brechen sie die bisherigen Kontakte schnell ab und geben auch ihr Freizeitverhalten auf. Sie gehen nicht mehr zum Fußballverein, sie meiden Jugendgruppen und diese Kinder sind dann auch sehr anfällig für Leistungsverlust und für Schulvermeidung.

Ja, es entwickeln sich auch schwere psychische Erkrankungen. Depressive Kinder, die dann nur noch im Bett liegen und nichts mehr tun können. Ein hier behandelter Junge starrte mit der Zeit nur noch die Wand an und musste dann quasi aus dem Bett geholt und wieder lange Zeit aufgebaut werden. So weit kann das gehen.

Welchen Fehler sollten Eltern tunlichst vermeiden?

 

Die meisten Eltern glauben, sie könnten ihren Kindern mit einer positiven Haltung und Herangehensweise Mut machen: "Ja, ja, das wird schon klappen, nette Schule, nette  Mitschüler, du wirst  schnell einen neuen Freund  finden", etc.. Diese Aussagen wirken aber in Wirklichkeit nicht beruhigend. Diese Aussagen ängstigen das Kind noch mehr in seinen Befürchtungen.

 

Um seinen Kindern all das möglichst zu ersparen: Wie sollte man sich auf den Umzug optimal vorbereiten?

 

In dem man darüber viel spricht, positive Neugierde weckt, sich viel vernetzt und sich gegenseitig begleitet. Das ist natürlich einfacher, wenn eine Familie mehrere Mitglieder hat. Meistens ist eine Familie mit mehreren Kindern geschützer, weil sie sich gegenseitig unterstützen können und auch die Umwelt gemeinsam explorieren und entdecken können.

 

Konkret hilft:

             

  1. Bücher über Trennung oder Auszug lesen: es gibt sogar Märchen, wie „Hans im Glück“, die das Thema bearbeiten.
  2.  Die neue Schule erkunden: Mit dem Kind zur neuen Schule gehen und bestenfalls ein Gespräch mit dem Klassenlehrer führen und ihn um Hilfe bitten, das Kind in die Gruppen zu integrieren. Weitere Möglichkeiten an der neuen Schule ausloten, wie Wahlfächer in Sport, Musik oder sonstige freiwillige Gruppenarbeiten.
  3. Erkundigungen am neuen Wohnort einholen: Je nach Interessenslage des Kindes, können Anknüpfungspunkte geschaffen werden, damit dem Kind die Unsicherheit geommen wird: Ist Musik oder Sport wichtig, sollte man Verbindungen zu Vereinen aufnehmen und dort nachfragen, ob das Kind beim Fußballverein, im Orchester oder Chor einsteigen kann. In der Kirchengemeinde nach Kinder- und Jugendtreffs erkundigen. 
  4. Neues Zuhause einrichten:  Man besucht die neue Wohnung oder man nimmt  sich einen Plan der neuenWohnung und richtet sein Zimmer nach fortgeschrittenden Alter selber  ein.
  5. Sich vernetzen: Viel Zeit sollte man damit verbringen, sich zu vernetzen und zu begleiten. Also  nicht aufhören, tätig zu werden, wenn man angekommen ist und eingezogen ist, sondern dann beginnt eigentlich erst die Vernetzungsarbeit. Oft begleiten, oft drüber reden, oft ermuntern, oft gemeinsam trauern.
  6.  Alte Kontakte pflegen: Die Kontakte gemeinsam zu den alten Freunden aufrecht erhalten, diese einladen an den neuen Wohnort zu kommen, Wege zu finden den Kontakt aufrechtzuerhalten über Medien, Internet, Whatsapp. Es gibt, wie gesagt, Jugendliche, die sind sehr kontaktfreudig, aber auch die nicht so Kontaktfreudigen muss man unterstützen, indem Sie Kontakt aufrecht erhalten.

Wie schaffen Eltern es, dass sich ihre Kinder sogar auf den Umzug freuen?

 

Die neue Wohnung bietet auch eine neue Chance: Man kann bei einer neuen Wohnung das Zimmer neu einrichten. Man kann dem Kind vermitteln, dass es jetzt die Chance gibt, diese neu selber zu gestalten, mehr selber Einfluss zu nehmen, selber Dinge auszusuchen - quasi auch ein neues Leben, ein besseres Zimmer zu gestalten: Das Kind mehr einzubeziehen. Und damit wird natürlich auch positive Neugierde geweckt, wie es in seinem Leben jetzt weitergeht. Gerade wenn Kinder pubertieren, haben sie andere Wünsche an ihr Zimmer und das kann man mit einfließen lassen.

 


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